Zwischen Döner und Deich – Stadtspaziergang online

Ein Erfahrungsbericht zwischen Theorie und Praxis
von Malte Andritter und Petra Jeroma
erschienen in der „Zeitschrift für Theaterpädagogik“ (Heft 78)

Hier gehts zur Online-Ausstellung im spatial.chat

Vogelgezwitscher, ein grüner Deich, Wellenrauschen, Schiffshupe und kreischende Möwen. Eine Atmosphäre, die in der Regel nur in Küstenregionen zu erleben ist – oder aber während eines Online-Stadtspaziergangs mit Louis (17) und Paulena (15) durch ihre Heimatstadt Brunsbüttel. 30 Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland, das sind viele für unser Online-Format, versammeln sich zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort: spatial.chat – eine Online-Plattform, die damit wirbt, soziale Begegnungen nachzubilden. Und tatsächlich: In der 30-minütigen Online-Live-Performance gelingt es den jungen Darsteller*innen, ein Gefühl der Nähe und Begegnung herzustellen, das sich von herkömmlichen Videokonferenz- und Streaming-Formaten unterscheidet. Inhaltlich stand die Perspektive junger Menschen in Brunsbüttel im Fokus: Was sind ihre Orte? Wo verbringen sie ihren Alltag? Was sind Themen, die sie beschäftigen und wo verhandeln sie diese?

Die Performance Zwischen Döner und Deich – Ein Online-Stadtspaziergang, die im Rahmen des Frankfurter Forum Junges Theater im November 2020i entwickelt wurde, bietet Anlass, einerseits digitales theaterpädagogisches Arbeiten mit jungen Akteur*innen zu reflektieren und andererseits Möglichkeiten künstlerischer Online-Praxis aufzuzeigen. 

Digitale statt leibliche Ko-Präsenz, Videokonferenz statt Probebühne
Louis: „Entschuldigung. Die Performance beginnt doch etwas später. Wir warten noch auf ein paar Besucher*innen. Es gibt Probleme mit dem Mikro.” Paulena und Louis stehen an der virtuellen Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals und schicken verlorengegangene Besucher*innen zurück ins Online-Foyer. In kleinen runden Videofenstern ploppen die Teilnehmenden nach und nach auf dem Bildschirm auf, bestimmen selbst, wohin sie gehen und mit wem sie sprechen, indem sie sich mit der Maus durch den virtuellen Raum ziehen. Je näher sie einer anderen Videoblase kommen, desto besser können sie die Person darin verstehen. Bewegen sie sich von ihr fort, wird auch ihre Stimme weniger gut wahrnehmbar bis sie gänzlich verschwindet. Den Teilnehmenden kommt so im Vergleich zu den üblichen Videokonferenz-Formaten ein erhöhtes Maß an selbstbestimmter Handlungsfähigkeit zu. Und anders als beim Streamen eines Aufführungsmitschnitts, entsteht die Aufführung als soziale Interaktion zwischen Akteur*innen und Zuschauer*innen – wenn auch nicht leiblich ko-präsent, dann zumindest im virtuellen Raum.

Inszenierte Interaktion und Gemeinschaft
Der Raum, den Zuschauer*innen und Performer*innen nach dem Einlass betreten, besteht aus einem Stadtplan von Brunsbüttel. Zu sehen sind im Hintergrund Straßen und Wasserkanäle, im Vordergrund wurden die von Paulena und Louis ausgewählten Fotos und Videos positioniert. Durch Verschieben, Vergrößern und Verkleinern wurden die Fotos und Videos als Ko-Akteur*innen der Erzählung genutzt. Die Wiedergabe einer Sounddatei simulierte zudem die Audio-Kulisse der schleswig-holsteinischen Kleinstadt. Wie eine fromme Schafherde ziehen die kleinen Videoblasen, geführt von den jungen Darsteller*innen, über den Bildschirm, bleiben an verschiedenen Straßenecken und Plätzen stehen, an denen sie persönliche Geschichten und Anekdoten von ihnen erfahren.

Paulena: „Kommt mal mit. Ich zeig’ euch, wo ich gern’ mit meinen Freunden spazieren gehe.” Sowohl Performer*innen als auch Besucher*innen positionieren sich auf einer Brücke. „Nennt mir zehn Dinge, die regelmäßig im Wasser landen.” Über die Texteingabefunktion melden sich die Zuschauer*innen zu Wort, was in kleinen Sprechblasen neben ihrer Videokugel erscheint.
Die Gestaltung der Nutzungsoberfläche lädt zu verspieltem Verhalten ein. Die Verbindung zwischen einem Stadtplan, über den erfahrungsgemäß mit dem Finger gefahren wird, um einen Weg nachvollziehen zu können und der alltäglichen Erfahrung, sich durch den Stadtraum zu bewegen, löst die Handlungsoption aus, sich mit der eigenen Videoblase entlang der Straßen zu bewegen, was auch durch die gleiche Handhabung der Performer*innen unterstützt wird. Dieser spielerische Umgang entwickelt sich schnell zum Selbstläufer: Auf einem Foto der Brunsbütteler Eisdiele positionieren sich die Videoblasen unaufgefordert und finden sich an Bistro-Tischen oder in der Warteschlange wieder – und Paulena erhält Gesellschaft, als sie um ihr virtuelles Schulgebäude rennt. Dieses gemeinsame Handeln erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl nicht nur zwischen Zuschauer*innen und Performer*innen, sondern maßgeblich auch unter den Teilnehmenden.

Als geradezu elementar bezeichnet die Medien- und Sozialwissenschaftlerin Judith Ackermann diese Art der Publikumsbeteiligung. In einem Interview zur Praxis des Zuschauens im Online-Theater beschreibt sie die Rezeptionssituation als eine, die sich in die Alltagssituation der Teilnehmenden integrieren muss, da sich die Aufmerksamkeit nicht wie im klassischen Sinne auf die Bühne richtet und deshalb immer auch eine Interaktion erfordert: “Es macht auf jeden Fall Sinn, die Zuschauenden partizipieren zu lassen – auf unterschiedlichen Ebenen.”ii Will man also Onlineangebote umsetzen, kann nicht mit einer Aufmerksamkeit ähnlich wie in einem Theaterraum gerechnet werden, sondern müssen interaktive Anreize gesetzt werden.

Publikumsreaktionen: Online-poietische Feedback-Schleife?

Einer der bedeutendsten Unterschiede theatraler Online-Praxis gegenüber analogen Aufführungssituationen scheint die Verschiebung der Feedback-Schleife zwischen Akteur*innen und Publikum zu sein. Isoliert in ihren eigenen Räumen und verbunden über Kamera, Kopfhörer und Internet befinden sie sich nicht in unmittelbar leiblicher Ko-Präsenz. Die Möglichkeit der Bewegung bei spatial.chat stellt eine bedeutende Komponente als Feedback und wechselseitiger Bezugnahme dar. Darüber hinaus kommt der direkten Kommentarfunktion der Zuschauer*innen eine wichtige Bedeutung zu. Nicht nur in den inszenierten Interaktionsmomenten, in denen das Publikum ausdrücklich zum Mitmachen aufgefordert wird, sondern während der gesamten Performance bildeten die Sprechblasen und Emojis ein wichtiges Feedback, das gleichermaßen eine Verbindung zu den Darsteller*innen, wie auch unter den Zuschauer*innen aufbaut und Gemeinschaft stiftet. 

Tempo, Timing, Rhythmus
Nicht nur die autopoietische Feedbackschleife zwischen Akteur*innen und Zuschauer*innen verschiebt sich in theaterpädagogischen Online-Formaten, auch die Energie zwischen den Akteur*innen selbst. Sie befinden sich ebenfalls in getrennten Räumen, sind unter Umständen über instabile Internetverbindungen miteinander in Kontakt. Dies bringt Verzögerungen von Bild und Ton, Aussetzer und andere Schwierigkeiten mit sich. Feintuning wurde so fast unmöglich, sodass wir unseren Stil an die Plattform und die Stärke des WLANs anpassen mussten. Das Fazit: Ein schneller Schlagabtausch oder ein Sich-Ins-Wort-Fallen ist in einer Online-Performance kaum möglich. Es benötigt einen neuen Umgang in Sachen Tempo, Timing und Rhythmus. Neue Wege und Ästhetiken sind gefragt, die Fehler nicht zwanghaft versuchen zu vermeiden, sondern sie zum integralen Bestandteil machen und diese Anfälligkeiten erlauben.

Zugangsmöglichkeiten
Paulena: „Entschuldigung. Ich kann leider nur noch eine halbe Stunde. Ich hab gerade das Tablet meiner Mutter. Die braucht das gleich wieder zum Arbeiten.”

Ob die sogenannten ‘Digital Natives’ wirklich digital so gut aufgestellt sind, fragen wir uns seit der letzten Homeschooling-Episode nicht mehr wirklich. Mögen Online-Angebote in gewisser Weise Zugangsbarrieren abbauen und die Teilhabe derjenigen ermöglichen, die physisch nicht vor Ort sein können – wahrscheinlich hätten nur wenige Menschen aus der Bundesrepublik den Weg nach Brunsbüttel auf sich genommen –, entstehen Barrieren auf anderer Ebene. Das Internet macht eine größere Reichweite möglich, gleichzeitig ist gerade bei jungen Akteur*innen der Zugang zur Technik und das Können im Umgang damit (von wegen ‘Digital Natives’!) nicht immer gegeben. Einmal mehr wird deutlich, dass nicht alle ‘Digital Natives’ ähnlich technikaffin sind – und sich schon gar nicht verallgemeinern lassen. Es gibt nicht die ‘Digital Natives’.

Zielpublikum: Für wen machen wir das eigentlich?
Wir steigen ins Digitale um, wen interessiert das überhaupt? Für wen machen wir die Angebote? Interessiert das junge Menschen wirklich oder machen wir das eher für uns, als Theaterpädagog*innen, als Fachpublikum? Über welche Kanäle erreichen wir wen? Wen erreichen wir überhaupt nicht? Inwiefern sind diese Formate zukunftsfähig und -relevant? Und nicht zuletzt die Frage: Dienen sie aktuell einer Überbrückung in Pandemie-Zeiten, einem Auffangen von etwas, das gerade nicht möglich ist oder finden wir darin tatsächlich (ästhetisch-pädagogisch) Reizvolles, das eine Digitalisierung im theaterpädagogischen Kontext vorantreibt? 

Friedrich Kirschner, Leiter des Master-Studiengangs “Spiel und Objekt” an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin legt Wert darauf, diese hybriden Formate nicht als “Gegenmodell zur Kopräsenz, sondern als deren Erweiterung um Zugänge für Publika” zu sehen. Fest steht für ihn, “dass die Gestaltung von Vergemeinschaftung eine der größten inhaltlichen Herausforderungen des Theaters sein wird.” Zu lange Zeit habe das Theater die “sozialen Dynamiken eines vernetzten Alltags höchstens kommentiert, oft ignoriert.” Vielmehr müssten sie “durch das Angebot von alternativen Umgangsformen und Inhalten, die kreativ die scheinbar homogenen Nutzungsformen der Plattformen konterkarieren”iii, gebaut, diskutiert und geformt werden. Es geht also nicht um digitales anstelle von analogem Theater, sondern um eine Frage des Mehrwerts: Was kann das eine, was das andere nicht kann? Und wie lassen sich beide produktiv ergänzen?

Das Medium ausreizen
Ob zukunftsweisend oder nicht: auch online lässt sich die Erfahrung bestätigen, wie lohnenswert es ist, eine Sache in ihren Grenzen und Möglichkeiten auszutesten. Die Plattform spatial.chat wurde in erster Linie für Online-Team-Meetings sowie inoffizielle soziale Events entwickelt: “Your virtual venue for remote office/online education/cocktail party”. Das Wechseln verschiedener Hintergründe ermöglicht sowohl das Erschaffen verschiedener Räume als auch spielerisch mit dem Material umzugehen. Das Potential, das derartige Online-Angebote mit sich bringen können, sehen Irina-Simona Barca, Katja Grawinkel-Claassen und Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater in Düsseldorf), in einem praktisch-reflexiven Sinne: “Wenn wir vom Theater der Digital Natives sprechen, meinen wir nicht (nur) den Einsatz ‘neuer Medien’, um alten Geschichten einen neuen Anstrich zu verpassen. Wir meinen eine Kunstform, die die fortschreitende Digitalisierung als Chance nutzt, um neue Formen der Teilhabe zu erproben und um eingeübte Machtverhältnisse zu verändern.”iv Lasst uns also die Krise als Chance nutzen, Fehler machen und interdisziplinäre Kontakte knüpfen, um neue Formate zu entwickeln, die als Teil der neuen Sparte des Netztheaters neben den bekannten Formen des Theaters auch postcorona existieren können.

Die Geduld des Publikums
„Sorry, ich bin kurz rausgeflogen. Das hat bei den Proben eigentlich immer ganz gut funktioniert”, schimpft Paulena und erntet Zuspruch von der Leidensgemeinschaft der Internetproblemgeplagten. Eigentlich auch keine andere Reaktion als im Theater. Wenn sich da ein*e Schauspieler*in verhaspelt und Menschlichkeit zeigt, erntet er*sie meist auch Sympathiepunkte. Und ähnlich wie bei Verhasplern gilt: solange technische Schwierigkeiten bei Online-Angeboten nicht Überhand gewinnen, lassen sie sich in der Regel auch ertragen. Und vielleicht braucht es genau diese kleinen Fehler und Ungenauigkeiten, um authentisch zu sein.  

i Das Frankfurter Forum Junges Theater wird jedes Jahr vom Kinder- und Jugendtheaterzentrum der Bundesrepublik Deutschland ausgerichtet. Pandemie-bedingt hat es vom 12.-14.11.2020 dezentral und online stattgefunden. Teilnehmende waren vor allem Fachpublikum aus dem deutschsprachigen Raum, d.h. Theatermacher*innen, Dramaturg*innen, Theaterpädagog*innen u.a. Vgl. https://www.kjtz.de/projekte/frankfurter-forum-junges-theater-2020/ [Letzter Zugriff: 12.01.2021]

ii Ackermann, Judith (2020): Auf zu neuen Publika! Zur Praxis des Zuschauens im Online-Theater. In: Netztheater – Positionen, Praxis, Produktionen. Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und nachtkritik.de in Zusammenarbeit mit weltübergang.net, S. 21

iii Kirschner, Friedrich (2020): Teilhabe als Notwendigkeit: Theater als Raum pluraler Gemeinschaft. In: ebd. S. 73

iv Barca, Irina-Simona/Grawinkel-Claassen, Katja/Tiedemann, Kathrin (2020): Das Theater der Digital Natives: Einübung in Szenarien des Widerstands und der Empathie. In: ebd. S. 16