Gangster erobern die Neustadt

Gangster erobern die Neustadt


Studierende unter Malte Andritter erarbeiten „Reservoir Ducks – extremst wenig frei nach Quentin Tarantino“

von Andreas Bode
Hildesheimer Allgemeine am 30. April 2013

HILDESHEIM. „Ihr steht dann hier“, wendet sich Malte Andritter an Hans Peters und Jonas Feller. Er ruft ihnen das durch einen Gang in der Annenstraße zu. Der Gang führt zu einem Hof, und dort warten Peters und Feller auf ihren Auftritt, den Beginn von „Reservoir Ducks“. Und wem der Titel „Reservoir Ducks“ bekannt vorkommt, der hat recht, lautet doch der Untertitel des Stücks „Extremst wenig frei nach Quentin Tarantino“. Dessen Film „Reservoir Dogs“ stammt aus dem Jahr 1992. Ein Team ohne Namen – es besteht aus Studierenden unter der Leitung von Malte Andritter – hat sich der Sache angenommen und bringt sie auf die Bühne. Wobei der Ausdruck Bühne es nicht so ganz trifft. Die erste Szene spielt in dem Durchgang zu dem Hof, dann führen – klar, was denn sonst – Enten das Publikum in einen leer stehenden Laden. Andritter, er studiert im vierten Semester Szenische Künste an der Universität, hat im vergangenen Semester ein Medienästhetik-Seminar von Roland Mörchen zu Quentin Tarantino besucht. Eine der Aufgaben lautete: Einfach mal einen Text über Tarantino schreiben. Und irgendwann war der Gedanke da, erzählt Andritter: Sich zu überlegen, ob man die Filmästhetik Tarantinos auf das Theater
übertragen kann. Immerhin arbeite dieser Regisseur viel mit Bildern, die Dialoge seien legendär. Meist seien es Gangster, die menschlich dargestellt werden. Und Gewalt zeige Tarantino nicht realistisch. So sei beispielsweise in einer Szene, in der ein Arm abgehackt werde, eine Blutfontäne zu sehen.

Es wäre, so Andritters Überlegung, doch eine interessante Arbeit, Tarantino fürs Theater umzusetzen. Andritter nahm seine Kommilitonin Fionna Kessler mit ins Boot, die Kreatives Schreiben studiert. Kessler übersetzte das Drehbuch ins Deutsche, zwei bis drei Wochen um Weihnachten herum benötigte sie dazu. Sie und Andritter überlegten: „Welche Szenen wollen wir nehmen, welche aus anderen Filmen?“ Denn Tarantino „zitiert auch viele Trash-Filme, Western sowie Sachen aus den 50ern und 60ern“. Voraussetzung der Ereignisse in dem Stück ist der Überfall auf ein Juweliergeschäft, der nicht geklappt hat. Die Gangster treffen sich an einer alten Lagerhalle– auf der Suche nach dem, der sie verraten hat.

Andritter sprach Studierende an, ob sie bei dieser Geschichte mitmachen wollen. Alles in allem sind sie jetzt 14. Ja, und der Ort „stand recht schnell fest“. Klar war: „Wir wollten keine Bühne, sondern Lagerhallen-Optik haben“, sagt Andritter. Nun kommt die „Initiative zur Belebung der Neustadt“ ins Spiel, die seit Oktober des vergangenen Jahres besteht. Ein Ziel der Initiative sei es, erklärt deren Sprecher Thomas Räbiger, „Leerstände einer vorübergehenden Nutzung durch gemeinnützige Initiativen zu vermitteln“. Und da gibt es dieses Geschäft, das seit sechs oder sieben Jahren leer steht. Einst wurden dort russische Lebensmittel verkauft, auch die Sparkasse hatte dort mal ihr Domizil. „Ein erster Erfolg war die Vermittlung der Räume in der Annenstraße 19 an ein Theaterprojekt der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst“, berichtet Räbiger. Und nun ist eins von Studierenden der Universität dort zusehen.

Die Proben für „Reservoir Ducks“ begannen im Februar, zunächst in der Universität. Und bei den Proben von März an in derAnnenstraße mussten die jungen Schauspieler drei Pullover übereinander anziehen: Irgendwann waren in dem Raum die Heizungsrohre geplatzt. Die sollen erst repariert werden, wenn der Laden endgültig einen neuen Mieter bekommt. Dafür kostet die Miete die Gruppe auch nur 200 Euro, von denen die Hälfte die Kaution ausmacht. Räbiger, Geschäftsinhaber und studierter Sozialpädagoge, hat Gefallen an der Kultur im Stadtteil gefunden. „Die Initiative will mit dem Vermieter reden“, sagt er. Denn wenn Leben in dem Raum sei, steige doch die Chance, ihn zu verpachten. Aber im kommenden Jahr ist auch das Festival Prosanova in der Neustadt, der neue Campus kommt in die Nähe. „Wir kriegen Belebung durch Studenten“, freut sich Räbiger. Und wenn es erstmal Gangste rsind. Aber keine Angst: Alles nur Spiel.

Die Premiere von „Reservoir Ducks“ am heutigen Dienstag sowie die Vorstellungen am 3., 4. und 6. Mai sind ausverkauft. Karten gibt es noch für Mittwoch, 15., und Freitag, 17. Mai, 19.30Uhr, unter reservoirducks.hi@gmail.com. Die Vorstellung in der Annenstraße 19 dauert etwa anderthalb Stunden ohne Pause.